Sonntag, 29. Januar 2012

Der benötigte Betrag für meinen Unterstützerkreis ist seit einiger Zeit erreicht. Vielen vielen Dank für alle die mich Unterstützen und mir dieses Jahr und diesen Dienst ermöglicht haben.

Ich weis, dass es sehr sehr lange her ist das ich den Block das letzte Mal aktualisiert habe und es ist extrem viel passiert. Jetzt möchte ich erst einmal meinen Zwischenbericht vom Dezember "nachreichen". Im Januar war ich 2 Wochen in Patagonien und hatte einen wunderschönen Urlaub und bei unserer Arbeit hat sich auch schon wieder einiges verändert.

Aber jetzt erst mal der Zwischenbericht:


Hallo Zusammen,



jetzt ist es schon soweit, die ersten Monate sind um und bald ist Weihnachten. Kaum zu glauben, denn die Zeit vergeht wie im Flug. In Weihnachstimmung bin ich noch nicht, obwohl schon fleißig Plätzchen gebacken werden. Auch in meinem Projekt wird die Adventszeit für weihnachtliche Bastelaktivitäten genutzt, wobei alle bei über 30°C vielmehr Lust auf den Pool haben. Mir gefällt es hier in Argentinien und im Kinder- und Jugendprojekt „Hogar German Frers“ sehr gut und ich fühle mich wohl, aber dazu mehr im Einzelnen.



Flug, Ankunft und Sprachkurs in Buenos Aires:



Am 10.08 um 23.00 Uhr war es soweit mein Flugzeug von Frankfurt nach Buenos Aires ist gestartet und am 11.08 kamen wir um 7.00 Uhr morgens ( - 5 h) in  Buenos Aires an. Am Flughafen wurden wir von Ricardo, einem Mitarbeiter der evangelischen Kirche in Argentinien (IERP), welche hier vor Ort für uns Freiwillige und unsere Projekte verantwortlich ist,  abgeholt. Die ersten 2 Wochen verbrachten wir im ISEDET ( Evangelisch- theologische Fakultät in Buenos Aires), wo auch unser Spanischsprachkurs stattfand.

Am ersten Tag, der wegen des langen Flugs und der Zeitverschiebung etwas anstrengend war, besuchte ich mit einer kleinen Gruppe von  Mitfreiwilligen „La Paloma“, ein Partnerprojekt meiner Einsatzstelle das strukturell gesehen meinem Projekt sehr ähnlich ist.  Es ist auch ein Kinder- und Jugendtageszentrum und bietet verschiedenste Aktivitäten und Werkstätten an.

Im Laufe der 2 Wochen Sprachkurs und Seminare (Murga, argentinisches Schulsystem, lateinamerikanische Geschichte,…) haben wir einige Stadtteile von Buenos Aires gesehen, um ein wenig mehr Gefühl für das Land zu entwickeln. Palermo (das Künstler- und Ausgehviertel),  der Hafen und das Regierungsviertel (Montserrat) haben mir sehr gut gefallen. Wir haben auch den Präsidentenpalast (Casa Rosada) besucht und eine Exkursion auf das ESMA- Gelände  gemacht, dort wurden während der Militärdiktatur über 30000 Menschen gefangen gehalten, verhört und gefoltert. Der Großteil der Gefangen ist für immer verschwunden, unter anderem wurden sie beispielsweise aus einem Flugzeug ins Meer geworfen. Insgesamt gingen die ersten 2 Wochen sehr schnell um. Viel Spanisch habe ich waerend des Sprachkurses leider nicht gelernt, aber dafür habe ich sehr viele Eindrücke von den Menschen und dem Leben in Argentinien gewonnen.



Meine Umgebung:



Baradero ist die älteste Stadt in der Provinz Buenos Aires. Es ist ein kleiner Ort, der vielmehr den Charakter eines Dorfes hat. Jeder kennt jeden und man kann nicht ins Dorf gehen ohne auf ein bekanntes Gesicht zu stoßen. Die Menschen im Dorf sind super freundlich und sehr hilfsbereit.

Baradero liegt am Rio Baradero, welcher ein Seitenarm des Rio Paraná ist. Im Dorf gibt einige sehr belebte Straßen und einige kleine Parks. Am Rand der Stadt gibt es viele Felder und Wiesen und auch am Fluss ist es sehr schön und grün. Von der Landschaft und der Natur hier bin ich wirklich begeistert. Nicht umsonst kommen sehr viel Städter aus Buenos Aires in den Ferien und am Wochenende in diese Gegend, sodass auch in letzter Zeit das Hostel -zumindest übers Wochenende- voll ausgebucht ist. In der Nachtbarstadt San Pedro kann man sogar Kite-Surfen, leider bin ich dazu noch nicht gekommen. Wenn ich mal Sehnsucht nach der Stadt habe bin ich mit dem Bus in 2-3 h in Buenos Aires- für argentinische Größenverhältnisse ein Katzensprung.


Mein Projekt:



Das Gelände meines Projekts ist sehr groß und wunderschön. Es gibt einen kleinen Wald, einen großen Garten, ein Feld, Orangen-, Zitronen-, Feigen-, Nuss- und Quinotobäume. Außerdem haben wir einige Tiere, wie z.B. Schweine, Schafe, Kaninchen und Geflügel. Für die Kinder gibt es einen Pool, einen Fußballplatz, ein Volleyballfeld und noch vieles mehr. Vor allem das viele Grün gefällt mir sehr gut und der Pool ist natürlich ein Luxus, den ich und die Kinder bei Temperaturen über 30°C (im Frühling) nicht missen möchte, auch wenn es viel Arbeit macht, ihn täglich zu reinigen.

Mein Projekt ist das „Hogar German Frers“, welches 1909 als deutsches Knabenweißenhaus gegründet wurde. Vor wenigen Jahren musste das Kinderheim aus finanziellen Gründen und auf Druck des Staates schließen und ist jetzt die „Comunidad Hogar German Frers“.

Das ehemalige Hauptgebäude des Kinderheims, das in den 60ern gebaut wurde, wird als Hostel genutzt. Wir wohnen in dem ältesten Gebäude, welches sogar schon vor 1909 gebaut wurde. Direkt daneben befindet sich das „Centro de Dia“ (das Kinder- und Jugendtageszentrum) in dem wir hauptsächlich arbeiten. Die Idee ist, dass sich das Projekt über das Hostel, die Landwirtschaft, gelegentliche Veranstaltungen und Freiwilligenarbeit selbst finanziert. Staatliche Unterstützung wurde zwar schon vor der Umstrukturierung zugesprochen, ist aber bis heute leider noch nicht angekommen. Dafür unterstützen viele örtliche Firmen das Projekt. So bekommen wir viele Spenden beispielsweise in Form von Früchten, Keksen und Kleidung.

Zurzeit kommen in das Projekt täglich 30 Kinder und Jugendliche (im Alter von 7 bis 15 Jahren). Raum wäre für mehr und das Projekt ist auch stetig am Wachsen. Die Kinder kommen aus sehr schwierigen Verhältnissen. So sind Gewalt im Elternhaus, Drogenprobleme und auch sexueller Missbrauch leider keine Seltenheit. Teilweise haben die Kinder keine Väter und die Mütter sind selbst noch Kinder oder sie wohnen bei ihren älteren Geschwistern (insofern diese nicht im Gefängnis sind). Die Meisten verbringen sehr viel Zeit auf der Straße und haben somit nicht wirklich eine kindgerechte Umgebung. Ich kenne nicht alle Geschichten der Kinder aber jede einzelne die ich bisher gehört habe war schockierend.

Im „Centro de Dia“ bekommen die Kinder Essen und Bildung, aber vor allem haben sie die Möglichkeit zusammen mit den anderen Kindern zumindest den Tag in einem geborgenen Umfeld zu verbringen und aufzuwachsen. Die Kinder werden von Lehrern oder Sozialarbeitern für das Projekt vorgeschlagen. Unsere Sozialarbeiterin besucht daraufhin die Familie und entscheidet ob die Kinder in das Projekt aufgenommen werden, dabei werden auch die Erziehungsberechtigten und Kinder gefragt, ob sie Teil des Projekts sein möchten. Sollten die Kinder in das „Centro de Dia“ kommen, werden die Familien regelmäßig von unserer Sozialarbeiterin besucht und erhalten auch psychologische Beratung.



Mein Tagesablauf und meine Aufgaben:



Um 10 Uhr beginne ich mit der Arbeit. Während der Poolsaison ist eine feste Aufgabe den Pool sauber zu halten. Das erweist sich als aufwendiger als zuerst gedacht, da er sehr intensiv genutzt wird und inmitten von Bäumen steht. Sonst waschen wir Kleider der Kinder und Bettlagen des Hostels, helfen in der Küche und beim Herstellen von Marmeladen (vom Pflücken bzw. von der Anlieferung der Früchte bis zum Verzieren der Deckel), reparieren Schaukeln und Drucker oder Helfen bei der Vorbereitung von Veranstaltungen, besonderen Aktivitäten oder Ausflügen mit den Kindern. Es ist also immer etwas zu tun.

Um 12.30 Uhr kommen die Kinder. Anschließend essen wir mit den Kindern, die in der Schule kein Essen bekommen (zurzeit sind es 12). Bei den Mahlzeiten gehört das Decken des Tisches, Austeilen des Essens und Abspülen zu unseren Aufgaben. Bis 13.30 Uhr ist freie Zeit zum Spielen, dann gibt es „Postre“ (Nachtisch), welches wir zusammen mit allen Kindern essen.

Danach beginnen entweder die Aktivitäten oder es werden die Hausaufgaben gemacht und die Nachhilfe angeboten. Ich hätte nicht gedacht, dass es funktioniert aber bei vielen Aufgaben konnte ich auch schon recht früh mit meinen lückenhaften Spanischkenntnissen helfen (vor allem bei Mathematikaufgaben). In den letzten Tagen haben die Kinder nur noch wenig für die Schule zu tun, da sich das Schuljahr dem Ende hin neigt. Deshalb wir die Zeit für Werkstätten genutzt. Einmal in der Woche kommt Diego, welcher mit den Kindern Handarbeiten macht, wie z.B. Traumfänger basteln und Armbänder knüpfen. Es gibt eine Werkstatt, in welcher gestrickt wird oder es werden kleine Schreinerarbeiten angefertigt. Mario, einer der Erzieher, baut mit den Kindern ein Modell des Hogars mit Häusern, Bäumen, Fußballplatz, Pool und allem was dazugehört. Zweimal in der Woche kommt Alberto der Sportlehrer und macht mit den Kindern Sportunterricht. Außerdem gibt es zweimal die Woche Tanzunterricht und Gymnastik. Des Weiteren gehen wir zusammen mit den Kindern und Florencia einmal in der Woche in den Garten. Die Kindergruppen haben eigene Beete, um welche sie sich kümmern müssen und die mit Planzen bestückt werden, die sie selbst hochgezogen haben. Ausserdem gibt es auch noch die Abuelas (die „Omas“), welche den Kindern ab und zu Geschichten vorlesen.

Die Aktivitäten machen wir mit den Kindern zusammen, helfen ihnen und den Instruktoren wo es nötig ist. Um 15.30 Uhr gibt es „ Merienda“,  die ich mit Helen vorbereite. Je nach Wetter und Verfügbarkeit gibt es Tee mit Keksen oder Früchte wie Orangen, Mandarinen, Blaubeeren oder Pfirsiche. Die freie Zeit wird zum Spielen oder Musikhören genutzt. Die Kinder haben meist zu Hause keine Möglichkeit  CDs anzuhören, da Elektroartikel unwahrscheinlich teuer sind und einige der Kinder von einer Insel kommen, auf der es weder fließend Wasser, noch Elektrizität gibt. Fast alle Kinder sind begeistert von einer Gruppe, die sich „Los Wachiturros“ nennt und tanzen sehr gerne zu dieser Musik. Insgesamt wird in Argentinien viel mehr getanzt als bei uns.

Nebenbei haben die Kinder auch die Möglichkeit ihre Kleidung zum Waschen abzugeben und muessen sich regelmaesig im Projekt duschen. Außerdem werden den Kindern auch die Haare geschnitten. Nichts desto trotzt gibt es des Öfteren Läuse im Projekt- ich wurde bisher glücklicherweise verschont.

Um 17.00 Uhr gibt es Abendessen und um 18.00 Uhr werden die Kinder von einem Schulbus abgeholt, der sie nach Hause bringt.

An den Wochenenden gibt es ab und an Freizeiten mit den Kindern des „ Centro de Dia“. Einige Male sind wir auch schon mit den Kindern zusammen weggefahren, jedoch nicht immer mit allen. So war im Oktober ein Frauenkongress in Bariloche, zu welchem wir mit einigen Mädchen und auch Müttern gefahren sind. Andere Kinder durften mit auf Weihnachtsmärkte in Buenos Aires, um dort das „CDD“ zu vertreten und ihre Handarbeiten zu Präsentieren und zu Verkaufen. Mitte November sind wir mit fast allen Kindern (ein Paar wenige mussten wir Zuhause lassen, da sie sich nicht benehmen wollten) nach Polverines einem Vorort von Buenos Aires gefahren. Dort haben wir uns andere Projekte, eine Schule und Parks angeschaut. Außerdem sind wir Zug gefahren, was für viele der Kinder das erste Mal Zugfahrt war und auch für mich war es etwas Besonderes mit offenen Türen bei über 100 km/h durch die Vororte Buenos Aires zu fahren. In der Schule wurde ich gleich mehr oder weniger freiwillig eingespannt und durfte in der Abschlussklasse etwas Deutschunterricht geben.

Wenn nicht gerade ein Camparmento stattfindet, gibt es Veranstaltungen, wie Feste oder Märkte mit deren Erlös z.B. kleine Weihnachtsgeschenke für die Kinder gekauft werden. Bei diesen Veranstaltungen und ihren Vorbereitungen helfen wir auch viel mit. Langweilig kann einem hier nicht werden, denn es gibt immer etwas zu tun. Manchmal ist es wirklich viel Arbeit, aber es macht mir sehr viel Spaß und ich mache es gerne. Ich habe so viele Ideen, was man hier noch machen könnte, leider wird mir die Zeit dazu nicht reichen, sie rennt davon und ich kann immer noch nicht glauben, dass ich schon 4 Monate hier bin.



Meine Freizeit:



Als wir mit den Mädchen auf dem Frauenkongress nach Bariloche gefahren sind, konnte ich am Kongress selbst (logischerweise) nicht teilnehmen. Die Abschlussfeier und den Protestmarsch habe ich mir aber angeschaut, so war ich wohl bei den interessantesten Sachen dabei. In der Zwischenzeit habe ich mir Bariloche und Umgebung angeschaut. Ich bin immer noch begeistert von der Seen und Gebirgslandschaft um Bariloche.

Häufig gibt es im Projekt Fiestas oder in der Stadt Feiern wie z.B. den Frühlingsanfang, der mit einem riesigen Fest, mit Festwagen der Schulen, Tanzaufführungen und Livebands gefeiert wurde. An 3 Wochenenden war ich in Buenos Aires, bin geskatet, war auf Ferias, habe mir Projekte von anderen Freiwilligen angesehen, war im Tigre- Delta baden oder Einkaufen. In Buenos Aires gibt es eben doch etwas mehr Auswahl als im kleinen Baradero.

Zweimal pro Woche gehen wir zu einem sehr netten schweizer Ehepaar, das seit einigen Jahren in Baradero wohnt, zum Spanischunterricht. Die übrige Zeit geht fürs Wäschewaschen, Kochen, Einkaufen und Wohnungsrenovieren drauf. Wie gesagt bisher hatte ich noch keine Zeit für Langweile und die Zeit vergeht wie im Flug (zu schnell weil es mir hier wirklich gut gefällt).

Ich hoffe ihr könnt nun ein bisschen besser nachvollziehen, wie sich meine Zeit hier in Argentinien gestaltet. Ich möchte mich nochmal für all Ihre / Eure Unterstützung und Hilfe bedanken ohne die all das nicht möglich wäre. Vielen lieben Dank.



Viele Grüße

Tobias Hilbel



P.S.: Ich möchte nochmal auf meinen Blog verweisen: tobias-in-argentinien.blogspot.com

Sobald ich wieder ein funktionierendes Netzteil für meinen Laptop habe, werde ich ihn weiter führen und einige interessante Erlebnisse beschreiben, für die in meinem Bericht leider kein Platz mehr war.